LUTHER: Anmerkungen zu einer Reformation

Von Fernando Carmena (Europäische FilmPhilharmonie)

Der Film »LUTHER« durchlief nicht weniger als vier Zensurzyklen. Das wiederkehrende Leitmotiv der Zensurberichte war die anstößige Darstellung der katholischen Kirche – ein satirisches Portrait über Habgier und Korruption, das an einige der wildesten und extravagantesten Werke von Federico Fellini und Paolo Sorrentino erinnert, insbesondere während der grandiosen Sequenz an der Scala Santa. Der Film ist alles andere als zurückhaltend hinsichtlich seines konfessionellen Wesens. Gefördert wurde der Film immerhin auch von der Luther-Filmdenkmal Gesellschaft und der Protestantischen Liga. Ziel war es, einen »Film der protestantischen Verkündigung« zu schaffen, der die Ideologie der Lutherischen Gemeinschaft zum Ausdruck bringen würde. Im Ergebnis bietet der Film ein äußerst patriotisches Portrait Luthers als zentraler Held des Protestantismus: ein Held, bei dem bayerische Zensoren ihre Messer wetzen würden.

Für die Vorführung der restaurierten Version von »LUTHER« als Filmkonzert gab es eigene Richtlinien: zunächst würde der Film in einer gekürzten Version gezeigt werden, was bedeutet, dass die im Bundesarchiv aufbewahrte 122 Minuten lange Originalversion auf die Länge eines Konzerts, also ca. 70 Minuten, gekürzt werden sollte. Außerdem würde der Film nicht mit der Originalmusik von Wolfgang Zeller aus dem Jahre 1927 gezeigt werden, sondern mit einer neuen Komposition, die extra bei Sven Helbig beauftragt wurde. So kam es dazu, dass 90 Jahre nach der von Auseinandersetzungen begleiteten Premiere des Films eine neu vertonte und geschnittene Version entstehen sollte.

Hierbei ergaben sich zwei wesentliche Herausforderungen. Zunächst musste eine kinematische Struktur festgelegt werden, die Sven Helbig eine gute musikalische Leinwand bieten konnte. Außerdem ein künstlerischer und intellektueller Ansatz zu der neu geschnittenen Version. Zwei Möglichkeiten kamen mir in den Sinn … der Engel und der Teufel (oder umgekehrt?). Kurz gesagt: sollen wir den Film zusammenfassen, bestimmte Episoden hervorheben und die Schnitte verbergen? Oder sollen wir klar machen, dass dieses LUTHER-Filmkonzert eine offene Neuinterpretation des Originals ist, sowohl akustisch als auch visuell? Die erste Möglichkeit gefiel mir nicht. Ich fand sie sowohl aus ethischer als auch aus künstlerischer Sicht blutleer. Mit der Zustimmung von Sven Helbig und aller beteiligten Partner begann folglich die zweite Möglichkeit Form anzunehmen.

Zunächst einigten wir uns mit Sven darauf, unsere Interpretation nicht wie im Originalfilm in acht Kapitel zu gliedern. Stattdessen entschieden wir uns für eine Gliederung mit zwölf Teilen, die aus neun zentralen Kapiteln besteht sowie einem musikalischen Prolog, einem musikalischen Epilog und einer symbolischen Aufnahme, die den Abschluss der Aufführung darstellt und den Ton für eine zeitgemäße visuelle und musikalische Betrachtung des zentralen Themas vorgibt.

In dieser Hinsicht hatte ich das Gefühl, dass die Komplexität der Dimensionen Luthers eine Einladung war, unsere Vision in einen kinematischen Grenzbereich zu setzen, in dem das Publikum den Originalfilm von innen und von außen betrachten konnte. Einige Fragen dienten während des gesamten Prozesses als Orientierung: wie verstärken sich Spiritualität, Ökonomie und die Legitimierung von Nationalismus gegenseitig? Inwieweit akzeptieren und integrieren wir Revolutionen, und in welchem Umfang?

 

LUTHER (D 1927, Regie: Hans Kyser)

Musik: Sven Helbig 2017

Künstlerischer Schnitt: Fernando Carmena in Zusammenarbeit mit dem Videokünstler Lillevan 

Restaurierung durch das Bundesarchiv/Filmarchiv - Evangelische Bund 2017