BLANCANIEVES: Stummfilm mit Flamenco / Interview mit Juan Gómez „Chicuelo“

Von Fernando Carmena (Europäische FilmPhilharmonie)

Juan Gómez „Chicuelo“ (* 1968 in Barcelona) wird von vielen als einer der talentiertesten Gitarristen und Komponisten in der Welt des Flamenco angesehen. Im Laufe seiner Karriere ist er mit bedeutenden Künstlern der Flamencoszene in Europa, Asien und Amerika aufgetreten, beispielsweise mit der Tänzerin Sara Baras und dem Tänzer Israel Galván sowie mit den Flamencosängern Enrique Morente, Miguel Poveda, Diego „El Cigala“, Carmen Linares, und Silvia Pérez Cruz, der Originalstimme der Lieder von BLANCANIEVES.

Mit BLANCANIEVES stellte Regisseur Pablo Berger „Chicuelo“ vor eine kreative Herausforderung. Denn seine Neuinszenierung des bekannten Märchens ist in der Welt des Stierkampfs angesiedelt, genauer: in Andalusien in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Der Film verlangt eine Musik, die den Klang dieser Zeit wiedergibt (1). Und was würde sich besser eignen als Flamenco? Als „Chicuelo“ hinzukam, war Alfonso de Vilallonga bereits als Komponist für die orchestrale Filmmusik verpflichtet worden. Doch Berger benötigte zusätzlich echte Flamencothemen, die den buchstäblich stummen Figuren Stimme, Rhythmus und spontanen Taktschlag verleihen sollten. Das Ergebnis ist durchaus genial: Die Flamencothemen von „Chicuelo“ schaffen nicht nur emotionale Verbindungen innerhalb des Films, sondern knüpfen auch an eine alte Tradition im Flamenco an, die für diese überwältigende Fassung des Schneewittchen-Märchens sorgfältig herausgearbeitet wurde.

Welche Rolle spielt der Flamenco in der Geschichte und für die Ästhetik von BLANCANIEVES?

Der Flamenco spielt vor allem eine inhaltliche Rolle. Die Großmutter von Schneewittchen tanzt Flamenco, die Mutter ist Flamencosängerin und der Vater Stierkämpfer. Obwohl die Mutter schon zu Beginn des Films stirbt, lebt sie in ihren Aufnahmen weiter, und das kleine Schneewittchen bleibt mit seiner Mutter durch ihre Schallplatten in Verbindung. Der Flamenco und der Stierkampf waren schon immer eng miteinander verbunden.

Welchen Flamencostil haben Sie für BLANCANIEVES gewählt? Ist es ein „historisch“ glaubhafter Flamencostil der Zwanzigerjahre?

Das ist einer der Punkte, auf den ich besonders stolz bin. Ich konnte mich in diesem Film mit einem Flamenco ausdrücken, der viel älter ist als ich. Ich gehöre zwar zur jüngeren Generation, aber ich kenne natürlich die Wurzeln und die Tradition des Flamenco. Für diesen Film war der traditionelle Flamenco angesagt, da der Film in den Zwanzigerjahren spielt.

Ich nehme an, dass aus diesem Grund der Flamenco Cajon [Rhythmusbox für Flamenco] nicht in Frage kam ...

Richtig! Es sind Gitarrenklänge und Gesang, aber eben keine Cajon zu hören, da es dieses Instrument in den Zwanzigern nicht verwendet wurde. Sehr wichtig sind auch die Palmas [rhythmisches Klatschen mit den Händen]; hin und wieder ist ein Nudillo zu hören, also das Klopfen mit den Fingerknöcheln, das in den Bars und Tabancos (2) praktiziert wurde. Flamencokünstler begleiteten ihren Gesang damals mit diesen Rhythmen und Mitteln. Und ich passe natürlich meine Musik diesem alten Flamencostil an, damit er authentisch klingt. Ich weiß nicht, ob „historisch“ das richtige Wort dafür ist, aber es ist auf jeden Fall ein traditioneller Flamenco aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts.

Welche Palos [Flamencoformen] werden im Film eingesetzt und mit welcher Absicht?

Ich verwende unterschiedliche Palos. Der Zapateado [rhythmisches Stampfen und Klappern mit den Schuhsohlen] ist ein fröhlicher Palo. Er ist zu hören, als das Kind gutgelaunt tanzt, während die Großmutter ihm ein Kleid näht. Es ist ein rhythmischer Palo, der an sich schon fröhlich klingt. Das Lied „No te puedo encontrar“ („Ich kann dich nicht finden“) ist eine ebenso fröhliche Bulería, die in der Szene eingebaut ist, in der die Großmutter mit der Nichte tanzt. Die Großmutter möchte, dass Schneewittchen wieder lacht, dass das Kind sich vom Tod seiner Mutter erholt, aber leider gelingt es ihr nicht, denn zum großen Unglück der Nichte stirbt die Großmutter ausgerechnet bei diesem Tanz! Es ist so ergreifend! Die Bulería ist ziemlich kraftvoll, so dass man vorsichtig mit ihr umgehen muss, andernfalls kann sie kontraproduktiv wirken. Ich habe auch eine Seguiriya komponiert, die ertönt, als Schneewittchen berühmt wird und in Sevilla als Stierkämpferin auftritt. Die Seguiriya ist ein tiefgehender und ernster Palo, der im Einklang mit der Ernsthaftigkeit des Stierkampfes steht. Und ich setze auch eine Saeta ein, einen mit dem Tod verbundenen Palo. Die Saeta wird in Spanien in der Karwoche bei den Prozessionen gesungen, wenn die Pasos, das heißt die Christus- und Marienfiguren, durch die Straßen getragen werden.

Wie ist es als Interpret, den Flamenco im Einklang mit dem Film, dem Sinfonieorchester und dem Dirigenten Frank Strobel „gegen die Zeit“ zu spielen?

Das ist eine recht eigentümliche und interessante Erfahrung. Beim Warten auf den bildsynchronen Einsatz wird viel Adrenalin freigesetzt. Du möchtest immer perfekt synchron sein – aber ehrlich gesagt ist das sehr schwer, und man bekommt keine zweite Chance. Der Film läuft weiter, und du musst die Musik so genau wie möglich in die Szene einsetzen. Das ist nur etwas für Künstler, die den Nervenkitzel lieben. Andernfalls könntest du dich dabei etwas unwohl fühlen. Ich persönlich habe aber viel Spaß dabei.

Was halten Sie von der Verlegung des Schneewittchen-Märchens in die Welt des Stierkampfes?

Nun, das Schneewittchen-Märchen ist ja schon oft verfilmt worden. Die Idee, die Erzählung in die Zwanzigerjahre zu verlegen, halte ich für sehr originell. Und die Art und Weise, wie Pablo Berger mit dem bekannten Stoff umgeht, macht aus BLANCANIEVES ein wahres Kunstwerk. Außerdem denke ich, dass der Film viel mit uns, mit Spanien oder zumindest mit Andalusien zu tun hat. Es ist wirklich ein einzigartiger Film.

 

(1) In der spanischen Kulturszene der Zwanzigerjahre spiegelt sich der Glanz von Flamencokünstlern wie Antonio Chacón, la Niña de los Peines oder Manuel Escacena wider. Die Werke Federico García Lorcas und Manuel de Fallas hatten maßgeblichen Einfluss auf den berühmten Cante-Jondo-Gesangswettbewerb von Granada (1922). 

(2) Stände, Läden oder Buden, die auf den Straßen oder Märkten für den Verkauf von Lebensmitteln aufgestellt werden.

 

Barcelona/Berlin, März 2017

Vielen Dank an Diogo Pereira (Taller de Músics)

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Juan Gómez "Chicuelo"