zurück Print Version
Abwege
(Abwege)
Deutschland
1928
Drama

Entgegen allem Anschein geht es in Abwege nicht um die Ausleuchtung einer Ehekrise, sondern um den Schein - nicht um das Sein. Das erste Bild von Irene (Brigitte Helm), der Frau zwischen zwei Männern, ist eine Zeichnung, die ihr Verehrer von ihr fertigt. Sie posiert und er konstruiert sie nach seinen Vorlieben. Es herrscht ein Klima der Verführung, der Sucht nach Leben im Berlin der 20er Jahre. Georg Wilhelm Pabst führt in meisterhafter Distanz eine Gesellschaft des Scheins vor. Man tauscht und täuscht, hat die Gesetze des Marktes verinnerlicht. Ein Film aus dem Jahre 1928, der heute noch sehr modern wirkt.

Bald nach ihrer Hochzeit mit dem Anwalt Robert Storner fühlt Irene sich zunehmend gelangweilt. Sie lernt den Maler Walter Frank kennen und lieben. Als Robert von der Verbindung erfährt, überredet er den Maler zum Verzicht und versöhnt sich mit seiner Frau. Als er aber auf Geschäftsreise geht und Irene sich vernachlässigt fühlt, läßt sie sich von ihrer Freundin Liane zu Nachtclub-Besuchen animieren, bei denen sie Walter wiedertrifft und auf die Avancen eines Boxers eingeht. Diese zweite Ehekrise endet mit der Scheidung. Unmittelbar nach der Scheidung, noch im Gerichtsgebäude, fallen sich die Eheleute wieder in die Arme. Entgegen allem Anschein geht es in Abwege nicht um die psychologische Ausleuchtung einer Ehekrise. Auch nicht um eine sozialkritische Analyse der bürgerlichen Institution Ehe wie noch in Madame Bovari oder Effi Briest. Es geht um das Scheinen, nicht um das Sein. Das erste Bild der Protagonistin, das der Zuschauer zu sehen bekommt, ist eine Zeichnung, die Walter, der Maler, gerade von Irene anfertigt. Die Reproduktion geht dem Original, die Kunst dem Original voraus. Die Frau konstruiert sich im Blick des (männlichen) Künstlers, sie selbst geriert sich als posierendes Modell. Ihr Flirt mit Walter ist eine Inszenierung für die anwesende Freundin Liane. Irenes Achtlosigkeit und Natürlichkeit wird durch den berechnenden Blick aus den Augenwinkeln widerlegt. Selbst der Ehebruch, der zur Scheidung führt, ist gespielt und nicht vollzogen. Sowohl Ehemann als Verehrer sind von Berufs wegen dem Augenschein verpflichtet: der Jurist urteilt nach der Evidenz und ist privat auf die Wahrung seines und ihres guten Rufs bedacht; für den Künstler ist Irene ästhetisches Objekt. Weder die emotionale Bindung oder Entfremdung zwischen den Partnern ist Thema des Films noch geht es um das Freiheitsstreben oder Emanzipation der Frau. Es herrscht ein Klima der Promiskuität, Erotik ist ein Mittel gegen die Langeweile wie Zigaretten, Alkohol oder Opium. Auffällig ist auch, wie oft im Film Geld zu sehen ist. Pabst zeigt teilnahmslos eine Gesellschaft des Scheins, in der das eigene Bild zum Tausch- und Handelsobjekt wird, in der die zum Fetisch gewordenen Objekte des Blicks zu barer Münze gemacht werden. Man tauscht und täuscht. Es ist das Bild einer Gesellschaft, die die Gesetze des Marktes verinnerlicht hat, das Abwege so modern erscheinen läßt.

Kompositionen:

Elena Kats-Chernin

1999
  Ensemble (1 - 15 Musiker)    
 
Besetzung
0.0.Sax/ Klar. Fagott - 0.0.0.0 - 1Schlzg. Akkordeon. Klav. - Streicher(1.0.1.1.1)
     
 
Dauer in min.
96
sync fps
20
zurück