Category: Highlights

Rezensionen zu MATRIX LIVE. Film in Concert (5. und 6. Mai 2011, NDR Pops Orchestra / Frank Strobel)

10.May.2011

 

MATRIX-Fans im entsprechenden Outfit waren aus der gesamten Republik angereist – zusätzliches Sonderkonzert, doppelt ausverkauft, Gedrängel an der Abendkasse, Kartenhandel unter der Hand, MATRIX LIVE heißt die Droge: Ein Sinfonieorchester spielt in spätromantischer Gewaltigkeit den kompletten Soundtrack zum Kultfilm, mit Vor- und Abspann – und mit einer Perfektion und Ernsthaftigkeit, als gelte es Beethoven oder Tschaikowsky. (...) Auf einer Leinwand hinter dem Orchester lief der Film komplett im Original mit deutschen Untertiteln. Filmmusikspezialist und Dirigent Frank Strobel gab die Einsätze teilweise auf Sicht und mit Unterstützung eines Taktsignals, das er über einen Ohrhörer bekam, koordinierte die Klangspur per Taktstock perfekt mit Bildsequenzen. Das Schlagwerk explodierte punktgenau auf die Tritte, mit denen Neo den Agenten Smith vermöbelte, dann wieder hitchcockartige peitschende Geigen, als Neo und Trinity verzweifelt auf der Suche nach dem rettenden Telefon sind. Schon bewundernswert, wie souverän das Orchester durch die ungewohnten Klanglandschaften fuhr.
Hier konnte man auch auf die musikalischen Feinheiten achten, die bei den Soundeffekten im Kino untergehen. Das klingt dann doch schon anders, als wenn man wie im Kino große Lautsprecher hat und mal eben ein wenig lauter dreht: Ein komplettes Sinfonieorchester in voller Phonstärke hat genau die größere Dynamik, die den Kick gibt.
Entsprechend war die Dynamik des Beifalls, stehender Applaus und viele Bravos. Und ein bisschen Metropolen-Feeling am Maschsee: Wer das einmal erleben will, muss nun nach London, am 23. Oktober gibt’s dann MATRIX LIVE in der ehrwürdigen Royal Albert Hall.

(Henning Queren: MATRIX als großsinfonischer Kinotrip. Neue Presse, 7. Mai 2011)

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Kein Wunder also, wenn sich nun ein ganz anderes Publikum im Funkhaus versammelt, als wenn dort Beethoven oder Bruckner gegeben wird. Das NDR Pops Orchestra (also die NDR Radiophilharmonie) spielt live die Musik zu dem Kultfilm, und der Saal ist voll mit all den Leuten zwischen 20 und 40, die man sich hier sonst so sehnsüchtig wünscht. Im vergangenen Jahr war die Premiere beim Schleswig-Holstein-Musikfestival, nun war das Spektakel zweimal in Hannover zu sehen. Im Herbst wird es dann bei einem Gastspiel in London gezeigt (...). So ungewohnt lebhaft die Stimmung im Foyer auch ist – auf der Bühne sieht es aus wie immer: Auf dem Podium sitzt ein riesig besetztes Orchester. Noch ist alle Aufmerksamkeit auf die Menge der Musiker gerichtet, und man darf schon erstaunt sein, dass die Musik, die doch sonst aus dem Lautsprecher kommt wie der Strom aus der Steckdose, zu ihrer Hervorbringung so viele Menschen benötigt. (...) Diese Tonspuren wurden für die Aufführung sorgfältig von denen des Orchesters getrennt und kommen weiterhin aus der Konserve. Das Pops Orchestra erledigt den Rest – und der ist spektakulär. In Hannover kann man Ehrfurcht vor der Arbeit von Don Davis bekommen. Ohne seine Musik wäre der Film nicht die Hälfte wert. Für große Gefühle sind Bilder allein zu schwach. (...) All das registriert man im Funkhauskino ebenso beiläufig wie die Leistung des Dirigenten Frank Strobel, der allen Schnitten virtuos folgt. Und auch die Musiker meistern selbst die undankbaren Partien mit Engagement. Eindrucksvoll ist ihre Leistung noch einmal im Abspann zu hören, bei dem – anders als im Kino – alle Zuschauer gebannt sitzen bleiben. Erst danach springen sie auf – um begeistert Beifall zu klatschen. London kann sich schon freuen.


(Stefan Arndt: Geliebte Avantgarde. Hannoversche Allgemeine Zeitung, 7. Mai 2011)